Während der Europameisterschaft zu Besuch in Deutschland nutzte Gilbert nun die Chance und traf sich mit Stadtarchivar Thomas Jasper an Orten seiner Familiengeschichte. Katrin Lasser-Moryson begrüßte den Gast offiziell und überreichte ein Bild des Geschäftshauses seiner Familie von 1922.
Andrew Gilbert war als Begleitung der Football Association angereist, die während der Europameisterschaft das Konzentrationslager Bergen-Belsen besuchte und der Opfer des Nationalsozialismus gedachte. Zugleich sah er dabei die Möglichkeit, das Schicksal seiner Familie in Deutschland nachzuspüren. Andrew Gilberts Familienstammbaum lässt sich unter anderem bis zur Familie Gerson Weinberg, die erstmals 1818 in einem Familienregister von Castrop-Rauxel auftaucht, zurückverfolgen. Dietmar Scholz, der 2014 verstorbene ehemalige Leiter des Ernst-Barlach-Gymnasiums, hat in einem detaillierten Aufsatz die Familiengeschichte in Castrop-Rauxel aufgeschrieben.
„Der Urgroßvater meiner Großmutter war Gerson Joel, der 1806 die Garnison in Castrop verteidigte“, erzählt Andrew Gilbert, während er das erste Mal vor dem Haus seiner Vorfahren Am Markt 4 steht. Mit den Brüdern Gerson Joel und Michel Joel beginnt die Familiengeschichte in Castrop-Rauxel. Ab 1847 nahm die Familie den festen Namen Weinberg an. Die Familie führte im Erdgeschoss ihres Wohnhauses ein Textilgeschäft. Ab 1888 übernahm Julius Meyer, Sohn einer geborenen Weinberg, das Geschäft seiner Großeltern. Sehr angesehen in der Castroper Gesellschaft war er unter anderem Mitglied des Aufsichtsrates der Castroper Gewerbebank, Vertrauensmann der Castroper Kaufleute bei der Spruchkammer des Versicherungsamtes sowie Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr.
Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten sah sich auch seine Familie vermehrt Repressionen ausgesetzt. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Geschäft zerstört, Julius Meyer und sein 37-jähriger Sohn Erich Meyer zusammengeschlagen und die Wohnung der Familie verwüstet. Mitte März 1939 flohen Julius und seine Frau Anna Meyer nach Holland. Andere Teile der Familie flohen nach Südafrika und nach Amerika. Mehrere Familienmitglieder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Unter anderem Erich Meyer mit seiner Frau und seinem 2-jährigen Sohn. Stolpersteine vor dem Haus Am Markt 4 erinnern noch heute an die Familienmitglieder von Andrew Gilbert.
Gemeinsam gingen Stadtarchivar Thomas und Andrew Gilbert anschließend noch zur Gedenktafel der alten Synagoge, die ebenfalls in der Pogromnacht zerstört wurde. Heute erinnern nur noch Umrisse im Boden an die Synagoge und das Nebengebäude sowie die Gedenktafel. Eines ist nach dem Besuch sicher: Die Stadt Castrop-Rauxel und Andrew Gilbert wollen weiterhin im Austausch und Kontakt bleiben. „Ich möchte auch andere jüdische Familien ermutigen, an die Orte ihrer Familien zu reisen und so das Gedenken an diese Zeit und an die Schicksale weiterzugegeben“, betont Andrew Gilbert.