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Veranstaltung: Die Geschichte der Heimkinder
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Einleitungstext

Der Geschichte von Kindern und Jugendlichen in psychiatrischen Kliniken und Einrichtungen der Erziehungs- und Behindertenhilfe von 1949 bis 1975 in der BRD  und bis 1990 in der DDR kommt erst mit der Gründung der Stiftung "Anerkennung und Hilfe" 2017 die staatliche Aufmerksamkeit zu, die den Opfern von Unrecht und Gewalt zusteht. Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung sind die finanzielle und besonders die öffentliche Anerkennung Aufgaben der Stiftung. Die Stadt Castrop-Rauxel lud auf Initiative von Thomas Frauendienst, anerkannter Betroffener durch die Stiftung und die evangelische Landeskirche NRW, zu der Veranstaltung "Die Geschichte der Heimkinder" am Dienstag, 5. November, ein, um Betroffenen Mut zu machen, die Unterstützung in Anspruch zu nehmen und das Thema weiter bekannt zu machen.

Fortsetzungstext

Die Veranstaltung bot aber auch Raum für Diskussionen mit Wissenschaftlern, Betroffenen und Stiftungsmitarbeitern und stellt heraus was zukünftig wünschenswert wäre.

Für den Zeitraum von 1950 bis 1975 sind nach Schätzungen bis zu 116.000 Kinder und Jugendliche in der BRD und bis zu 140.000 für den Zeitraum von 1949 bis 1990 in der DDR in psychiatrischen Kliniken und Einrichtungen der Erziehungs- und Behindertenhilfe untergebracht worden. 

Beratungs- und Anlaufstellen sind in NRW bei den Landschaftsverbänden organisiert.

Weitere Informationen zur Stiftung Anerkennung und Hilfe

 

Rückblick auf die Veranstaltung

Die Geschichte von Kindern und Jugendlichen in psychiatrischen Kliniken und Einrichtungen der Erziehungs- und Behindertenhilfe von 1949 bis 1975 in der BRD und bis 1990 in der DDR wurde lange nicht aufgearbeitet. Erst Mitte 2019 entschuldigte sich der Landtag NRW, kurz zuvor der Bundestag, und würdigte Opfer von Gewalt und Missbrauch. Auch wenn das Thema seit Anfang des Jahrtausends in der Öffentlichkeit bekannter wurde, bekam es erst mit der der Gründung der gemeinsamen Stiftung "Anerkennung und Hilfe" der Bundesregierung, aller Länder und der evangelischen und katholischen Kirche 2017 die Aufmerksamkeit, die den Opfern von Unrecht und Gewalt zusteht. Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung sind die finanzielle und besonders die öffentliche Anerkennung Aufgaben der Stiftung.

Initiative zur Veranstaltung durch einen Betroffenen 
Anerkannter Betroffener durch die Stiftung und die evangelische Landeskirche NRW ist beispielsweise der Castrop-Rauxeler Thomas Frauendienst. Durch seine Initiative organisierte die Beigeordnete für Soziales Regina Kleff am 5. November im Ratssaal der Stadt Castrop-Rauxel eine Veranstaltung, um den Betroffenen Mut zu machen, die Unterstützung in Anspruch zu nehmen und das Thema weiter bekannt zu machen. Auch der Wille zur Fortführung der Stiftungsarbeit über das bisherige Ende der Antragsfrist 2020 hinaus, war Antrieb für eine solche Veranstaltung.

Anerkennung des Unrechts und Prävention für die Zukunft
Bürgermeister Rajko Kravanja forderte in seiner Begrüßung nicht nur zur längst überfälligen Auseinandersetzung mit diesem Versagen im Verhalten und der Aufarbeitung der Nachkriegsgesellschaft auf, sondern auch Mechanismen zu stärken, die die Schutzpflicht nach den besten Möglichkeiten sichern. Gerade mit Blick darauf, dass diese Menschen ggf. im Alter wieder in einem Heim leben bzw. zeitlebens Betreuung benötigten.

Anerkennung kann keine Wiedergutmachung sein
Durch die Stiftung werden einmalig 9.000 Euro ggf. plus Rentenersatzleistungen von bis zu 5.000 EUR an Betroffene gezahlt. „Was ist das schon, für ein verpfuschtes Leben“, warf eine Betroffene spontan ein. „Wegen einer Einschränkung am Arm wurde ich ins Krüppelheim gebracht.“

Wissenschaftliche Aufbereitung
Nicht zu vergleichen mit der heutigen Sichtweise auf Inklusion und Erziehung ging man bis Mitte der 70er Jahre mit Beeinträchtigungen um. Neben körperlichen Einschränkungen reichte oft ein aufmüpfiges oder gesellschaftlich nicht akzeptiertes Verhalten, um Kinder in Anstalten einzuweisen und wegzuschließen. Der Kontakt zu den Eltern wurde oft bewusst minimiert. Gewalt und Angst scheinen nach den ersten Ergebnissen der wissenschaftlichen Aufarbeitung Methode gehabt zu haben. Missbrauch, auch sexueller, ist nachgewiesen. Der Frage, wie in einem demokratischen Rechtsstaat wie der Bundesrepublik dort eine Art rechtsfreier Raum entstehen konnte, ging in der Veranstaltung Dr. Nils Löffelbein, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Mitglied des Forschungsteams zur wissenschaftlichen Aufbereitung im Rahmen der Tätigkeiten der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ nach. Beeindruckend schilderte er die Ausgangslage in der Nachkriegszeit, die Überlastung und mangelnde Qualifikation des Pflegepersonals, Kontinuitäten aus dem Nationalsozialismus und die Diskrepanz der Erziehungsansätze zur heutigen Zeit. Eindrücklich erläuterte Dr. Löffelbein die bedrückende Lage der Kinder, Überbelegung im Schlafsaal, fehlende Privatssphäre, drakonische körperliche Strafen, Fixierungen, medikamentöse Sedierungen und Versuche.

Aufgaben und Antragstellung bei der "Stiftung Anerkennung und Hilfe"
Christian Fritsch vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen erläuterte den Arbeitsauftrag der Stiftung und das Antragsverfahren. 40 Prozent aller bislang gemeldeten Fälle aus der Bundesrepublik sind in NRW aufgelaufen. Beratungsstellen sind bei den Landschaftsverbänden Westfalen-Lippe und Rheinland eingerichtet worden. Dabei müssen die Betroffen nicht fürchten, sie müssten mit dokumentierten Beweisen das erfahrene Unrecht belegen. Oftmals fahren die Berater zu den Betroffenen, da diese eine Anreise vielfach gar nicht bewerkstelligen können. Für einige, ist es das erste Mal, dass sie über das persönliche Leiden sprechen. Eine Nachbetreuung der Menschen kann von der Stiftung jedoch nicht geleistet werden, klärten die Vertreter des LWL und des LVR bei der Veranstaltung bedauernd auf.

Podiumsdiskussion
Die Veranstaltung bot auch Raum für Diskussionen mit Wissenschaftlern, dem Vertreter des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Betroffenen und Stiftungsmitarbeitern. So fragten einige der rund 40 Teilnehmer nach dem Weg der Kinder in die Heime, der Rolle der Eltern und nach anderen Formen der Unterbringung für Kinder. Ein Betroffener führte aus, dass die Anerkennung des Unrechts, das in Einrichtungen der Erziehungs- und Behindertenhilfe verübt wurde, ein Aspekt sei, andere, wie etwa die Verweigerung des Schulbesuchs und damit die Verwehrung von Perspektiven für das eigene Leben, würden aber nirgends Berücksichtigung finden.

Tatsächlich sind die Kapazitäten und die Ausrichtung der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ beschränkt. Bis Ende 2021 soll der letzte Antrag bearbeitet sein. Um möglichst viele Betroffene zu erreichen kooperieren die Landschaftsverbände mit Angehörigen, Betreuern, Fachkräften, Wohngruppenleitungen, Seelsorgern und Archivmitarbeitern. Doch gerade erst hat sich die Existenz der Stiftung und ihre Arbeit zu einigen Betroffenen herumgesprochen. So berichtete Birgit Kühne vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der regionalen Anlauf- und Beratungsstelle der Stiftung Anerkennung und Hilfe, vermehrt von Anfragen von Gehörlosen. Andere wie beispielsweise hochbetagte Antragsteller würden bei der Bearbeitung vorgezogen, denn von den rund 4.000 Betroffenen, die sich bei beiden Landschaftsverbänden gemeldet haben, konnten bislang ca. 2.740 Beratungsgespräche geführt werden. Vor Beginn der Stiftungsarbeit war man insgesamt von etwa 3.300 Betroffenen für ganz NRW ausgegangen.

Andreas Naylor, Leiter der Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder beim Landschaftsverband Rheinland, warnte davor, die Geschehnisse in Einrichtungen, Kliniken und Heimen als bloße Geschichtsstunde abzutun. Lange habe es gedauert, bis einige Relikte, wie etwa die Nachfolger der „Besinnungsstübchen“, nicht mehr genutzt wurden. Deshalb lohne es sich auch heute, genau hinzuschauen, Personal, finanzielle Mittel und Aufsicht gezielt einzusetzen und im Blick zu haben.

Besonders eindrucksvoll erzählte Thomas Frauendienst von dem, was er als Kleinkind in den Anstalten Volmarstein erlebt hatte, nachdem er mit „umgedrehten Füßen“ zur Welt gekommen war. Dabei war es nicht nur die prägende Phase mit Gewalt, Operationen, emotionaler Kälte und Misshandlung in der „Hölle von Volmarstein“, sondern auch das Gefühl nicht dazu zu gehören und nicht anerkannt von Familie und Gesellschaft zu sein. Als Heimkind Nummer 2033 im Verzeichnis der Kinder „zur besonderen Verwendung“ hat er seine Geschichte für sich selbst und als Zeugnis, um anderen Mut zu machen, aufgearbeitet. Dass er trotz des Erlebten und seiner schweren Erkrankungen ein positiver, tatkräftiger Mensch ist, zeigt sich bei seinen vielen Projekten gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Angelika Harms für die Soziale Stadt Habinghorst, für das Bingo mit Herz, für Alleinstehende zur Weihnachtszeit, bei der Solidarfonds-Stiftung und der Unterstützung der „Stiftung Anerkennung und Hilfe“. „Selbst wenn 2021 die Stiftung tatsächlich auslaufen sollte“, so Thomas Frauendienst in der Podiumsdiskussion, „Akten kann man schließen, Heimkinderschicksale niemals“.

 „Akten kann man schließen, Heimkinderschicksale niemals“
Deshalb plant Thomas Frauendienst für das Ruhrgebiet einen Austausch, eine Art „Stammtisch der Heimkinder“, der sich zwei- bis dreimal im Jahr treffen soll. Auch nach der etwa dreistündigen Veranstaltung, die mit einem lyrischen Gedicht von Thomas Frauendienst und musikalisch stimmigen Beiträgen von Rudolf Schiffmann und Angelika Harms ausklang, standen die Podiumsteilnehmer noch zum persönlichen Gespräch bereit.

 

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